Natur pur

Mein heutiges Ziel: Gołdap (wer schon länger mitliest, kennt das durchgestrichene „ł“ – also „Gow-dap“). Die erste Stadt Ostpreußens, die als staatlich anerkannter Kurort ausgezeichnet wurde. Grund dafür waren die Moor- und Solevorkommen in der Umgebung. Ansonsten habe ich bei einem halbstündigen Stadtrundgang festgestellt, dass ein halbstündiger Stadtrundgang mehr als ausreichend ist. Von den 3-4 km Luftlinie zur Grenze merkt man nichts. Der Grenzübergang in 8 km Entfernung ist eh geschlossen.

Gołdap hat aber einen Riesenvorteil: es war früher an die Bahn angeschlossen und die alte Trasse ist ein Radweg. Somit waren die letzten 40 km zwar Sandweg, aber die zahlreichen Höhenmeter hatten nur eine stetige und nicht so steile Steigung.

Nachdem ich gestern den EuroVelo 9 (Ostsee-Adria) nach einem ganz, ganz kurzen Überlegen („ob ich wohl umroute bei dem Regen, der jetzt kommt?“) verlassen habe, bin ich jetzt auf dem Green Velo unterwegs. Das ist ein rund 2.000 Kilometer langer Radfernweg durch den Osten Polens. Die bisher genutzten Routen EuroVelo 10 und 13 kann man nicht benutzen, da sie ja durch Kaliningrad an der Ostsee entlang führen. Also baut Polen kräftig an diesem Weg als Alternative für die nicht nutzbaren Ostseerouten. „Green“ passt hier sehr gut, es war heute eine besonders naturnahe Strecke mit vielen Tierbeobachtungen – wie auch schon in den letzten Tagen.

Ich habe inzwischen mehr Füchse gesehen als in der Werbung einer großen deutschen Bausparkasse in einem Jahr gezeigt wird. Und so viele Störche, wie noch nie im Leben. Man sieht sie auf den Feldern und kommt regelmäßig an den Nestern vorbei. Aus einigen schauen auch schon kleine Köpfe über den Rand. In den Dörfern scheint es eine klare Arbeitsteilung zu geben: Er steht einbeinig (bisher hatte ich das nur Flamingos zugeschrieben) auf der nächstgelegenen Laterne und beobachtet eventuelle Feinde, die sich nähern. Sie sitzt im Nest und wärmt die Eier oder versucht, das Jungvolk unter Kontrolle zu bekommen. Endlich mal eine Frau von Storch, die etwas Sinnvolles tut – anstatt nur bei Mäusen falsch zu klicken.

Wenn morgen alles wie geplant klappt, werde ich wohl von Polen nach Litauen fahren. Somit ein kleiner „Polen-vollkommen-subjektiv-Rückblick“: Es war meine erste richtige Polen-Erfahrung und hat mir sehr gut gefallen. Es gab die üblichen Vorwarnungen und Vorurteile. Die Polen würden Radfahrer wie Freiwild betrachten. Nach meiner Erfahrung alles Bullshit. Mich hat kein polnisches Auto in irgendeiner Art und Weise gefährdet oder bedrängt. Sie haben gewartet, bis sie vernünftig überholen konnten. Wie überall gab es auch hier 2-3 bekloppte Ausnahmen – gefühlt aber deutlich weniger als in Deutschland. Das Radwegenetz hat mich begeistert. Nicht nur wie umfangreich es ist, sondern auch in welchem guten Zustand. Es wird instandgehalten. Wie oft ich kurz stoppen musste, weil gerade die hereinragenden Grünpflanzen geschnitten und gemäht wurden, kann ich nicht mehr zählen. Wenn man über Land und durch Dörfer fährt, wird man vernünftig geführt und hat auch die Möglichkeit Straßen mit Überwegen zu queren (und die Autofahrer halten dort auch). Nicht wie in Deutschland: lieber Radfahrer, sieh mal zu, wie du am Ortsende jetzt nach links auf den Radweg kommst. In verlassenen Gegenden sind zwar viele Sandpisten und es gab natürlich auch gruselige Strecken. Aber was berichtete ich aus Mecklenburg-Vorpommern noch einmal?

Lediglich die schwarze 40 in einem roten Kreis nach einem Ortseingang scheint nicht die Bedeutung zu haben, die ich mir da drunter vorstelle. Gerade wenn nicht viel los ist, brettern sehr viele durch die kleinen Orte mit absoluter Höchstgeschwindigkeit – aber wenigstens halten sie Abstand beim Überholen ein.

Die Sprache ist ein Problem – also nicht für die Polen, aber für mich. Schon Ortsnamen so auszusprechen, dass die Polen sie auch verstehen, oder umgekehrt, ist eine extreme Herausforderung. Man kommt nicht wirklich gut mit Englisch weiter. Bei jüngeren Leuten ist etwas Schulenglisch da, aber für eine Unterhaltung reicht es meist auch nicht aus. Das gleichen die Polen aber alle durch große Hilfsbereitschaft und Offenheit aus.

Auffällig war für mich, dass es sehr, sehr sauber hier ist. Man findet quasi keinen Müll auf den Straßen oder unterwegs. Jeder noch so kleine Ort hat eine schöne Grünanlage, die auch wirklich gut gepflegt ist und immer frisch bepflanzt. In größeren Städten kann man eher von Parks sprechen. Das ist mir schon im Baltikum stark aufgefallen, scheint hier aber auch gelebt zu werden.

Fazit: Polen ist echt eine Reise wert.

Stefan

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