Heute mal nachdenklich

Eigentlich wollte ich heute gar nicht viel schreiben. Nur kurz etwas zur heutigen Fahrt, dass ich nach gut 120 km in Gdansk (Danzig) angekommen bin und hier dem Körper nach jetzt 8 Tagen Fahrt und gut 800 km etwas Pause und ein schönes Hotel gönne und mir die Stadt anschaue. Ihr habt also mal etwas Ruhe im Postfach. Also nur noch kurz etwas zur Strecke und dann doch etwas über eine ungeplante Besichtigung.

Hatte ich bis gestern nicht noch die polnischen Radwege und die Beschilderung gelobt? Das nehme ich hiermit offiziell zurück. Heute fehlten Schilder genau dort, wo man sie gebraucht hätte. Und die Radwege waren teilweise in einem Zustand, der war gar keiner. Matsch statt Asphalt, Schlaglöcher statt Fahrspaß. Und ein Untergrund, der viel Kraft geraubt hat. Dazu war es landschaftlich wenigstens auch noch langweilig und hügelig.

Während ich gerade auf halber Strecke in Selbstmitleid über die kraftraubende Piste und die nicht enden wollenden Kilometer badete, fuhr ich an einem Granitblock mit einer Nummer drauf vorbei. Mit dem Radweg hatte es nichts zu tun, die Beschilderung hatte ich gerade passiert. Wenige Sekunden später kam der nächste. Und dann eine Gedenkstätte mit polnischen Inschriften und einer großen Figur. Ich stoppte, sah mich um und alles um mich herum war voller Kreuze. Keine Ahnung, wo mich der Weg durchgeführt hat. Also Handy raus, Foto und Standort hochgeladen und mitten im Wald gutes Netz und eine Antwort. Erst dann wurde mir klar, wo ich gerade wirklich unterwegs war.

Der Wald von Piaśnica ist einer der größten Orte nationalsozialistischer Massenmorde in Pommern. Zwischen 1939 und 1940 wurden hier schätzungsweise 12-14.000 Menschen ermordet – unter ihnen Lehrer, Ärzte, Priester, ganze Familien und ihre Kinder. 1944 versuchten die Nationalsozialisten, ihre Verbrechen zu vertuschen, indem sie die Leichen ausgruben und verbrannten. Ich stand also nicht nur wie anhand der Kreuze vermutet in einer Gedenkstätte oder einem Friedhof, sondern direkt an der Stätte eines unvorstellbaren Verbrechens und Leidens.

Insgesamt sind es nummerierte 14 Granitsteine. Als der Ort zum Sanktuarium Piaśnickie wurde, legte man den Kreuzweg durch den Wald so an, dass Besucher auf ihrem Weg an den Massengräbern vorbeikommen. Dadurch wird der Leidensweg Christi symbolisch mit dem Leid der hier Ermordeten verbunden.

Fast 2 km war die Strecke lang. Der Kloss im Magen hat viele, viele Kilometer länger gehalten. Eigentlich ist er immer noch jetzt beim Schreiben da. Es ist einfach unglaublich, wozu Menschen fähig sind. Das ist sicherlich keine neue Erkenntnis. Aber sie schockiert jedesmal wieder erneut. Ich bin mit dem Rad inzwischen in vielen Ländern an so vielen Stätten vorbeigekommen, wo im Krieg durch die Nazis einfach nur widerliche Verbrechen passiert sind. Ob es in Ost- oder Westeuropa ist. Die heutige Gedenkstätte gehört mit zu denen, die tief „beeindruckt“ hat. Gerade weil sie so unvorbereitet kam und mit wenigen Symbolen die Größe des Verbrechens zeigt.

Stefan

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