Danke, Petrus!

Nach drei Nächten in Danzig gab es so gar keine Motivation loszufahren. Das Bett war gemütlich, Danzig ist eine tolle Stadt und der Wetterbericht hatte Regen angekündigt. 15 Grad, gefühlt 10 Grad bei Windböen bis 50 km/h als Aussicht waren auch nicht lockend. Schweinehund und ich waren uns vollkommen einig. Nach einer Stunde und einem Kaffee saß ich trotzdem auf dem Rad und steuerte fröstelnd in Richtung der dunklen Wolken.

Nach ein paar Kilometern war die innere Heizung angesprungen und ich stellte fest, dass Petrus entweder aus Versehen gegen den Windschalter gekommen war. Oder der Azubi war da dran. Oder Petrus hat es einfach gut gemeint und es absichtlich gemacht. Ich hatte jedenfalls kräftigen Rückenwind.

Nach 3 Stunden Fahrzeit hatte ich schon 75 Kilometer auf dem Tacho. Normal bin ich da bei maximal 60, eher weniger. Und ich hatte bis dahin keinen einzigen Tropfen abbekommen. Gut, ab und zu mal etwas selbst produziertes von der Stirn. Der Wind alleine reichte auch nicht. Leider wurde es danach hügelig und sowohl der Wind als auch meine Fahrtrichtung drehten sich etwas. Aber zumindest war das Ergebnis nur Seitenwind und bis zum Ziel weiterhin keinen Tropfen Regen. Das Ziel ist Orneta (Wormditt). Zu berichten gibt es nichts über den Ort – ich habe hier einfach nach 120 km ein nettes Hotel gefunden. Dafür war die Strecke umso netter: erst viel am Wasser und dann durch ganz viele Orte, wo fast mehr Storche in ihren Nestern waren als Einwohner.

Da ja ein paar Tage Ruhe war, wird der Beitrag heute etwas länger. Aber es ist ja auch Wochenende – somit mehr Zeit zum Lesen. Es fehlen noch zwei Themen: Danzig und wie geht es weiter?

Danzig ist eine wunderschöne Stadt. Eine beeindruckende Altstadt. Diese wurde nach den schweren Zerstörungen des Krieges detailgetreu wieder aufgebau. Man findet auch viele Neubauten, die stimmig und passend integriert sind. Heute gehört Danzig zu den schönsten Städten Polens. Das sagt die Eigenwerbung. Nur ein wenig zu viele Touristen. Das sagt der Herr Tourist.

Einen halben Tag war ich im Europäischen Solidarność-Zentrum. Dort wird die Geschichte der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność erzählt, die Anfang der 1980er-Jahre auf der Danziger Werft entstand. Aus einem Streik entwickelte sich eine Bewegung mit rund zehn Millionen Mitgliedern, die das kommunistische Regime in Polen entscheidend ins Wanken brachte und letztlich auch den Zusammenbruch des Ostblocks mit einleitete. Geschichte pur und viel gelernt.

Jetzt geht die Reise weiter Richtung Litauen. Das nächste Ziel ist Klaipeda, wo ich meine Ostseetour 2024 begonnen habe. Eigentlich wäre der direkte Weg dahin von Danzig weiter an der Ostsee entlang ziemlich einfach. Dazwischen liegt allerdings die russische Exklave Kaliningrad. Das Gebiet gehörte früher als nördlicher Teil Ostpreußens zu Deutschland und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Sowjetunion zugeschlagen. Heute gehört es zu Russland und ist vollständig vom übrigen Staatsgebiet getrennt. Die große Stadt in dieser Enklave mit rund der Hälfte der Einwohner heißt auch Kaliningrad, früher das deutsche Königsberg.

Mit rund 15.100 Quadratkilometern ist die Region fast sechsmal so groß wie das Saarland und hat gut eine Million Einwohner. Wobei ich ja immer unterstelle, dass die meisten Nicht-Saarländer die Größe des Saarlands gar nicht genau einschätzen können und dieser typische Standardvergleich ja gar nichts bringt. Deswegen habe ich es mal umgerechnen lassen: die Niederlande sind ungefähr dreimal so groß wie die Enklave. Gerne geschehen.

Kaliningrad ist sowohl wirtschaftlich als auch militärisch für Russland wichtig – unter anderem wegen des Ostseehafens, der Baltischen Flotte und des weltweit größten Bernsteinvorkommens. Seit dem russischen Vollangriff auf die Ukraine ist der Landweg nach Russland allerdings deutlich komplizierter geworden. Es sind nur noch ganz wenige Grenzübergänge nach Polen und Litauen offen. Die meisten Menschen reisen deshalb heute per Flugzeug oder Fähre ins russische Kernland.

Umgekehrt ist eine Durchreise für Touristen wohl noch mit Einschränkungen möglich, wird aber nicht empfohlen. Schon aus Zeiten vor der Vollinvasionngibt es genug Foreneinträge, wo die schnelle Ausreise nur mit „Zusatzgebühren“ möglich war. Für mich ist es sowieso keine Option. Ich möchte nicht durch Putins Reich fahren, nicht einen einzigen Rubel dort ausgeben. Also geht es außen herum. Das sind aber locker 250-300 km mehr.

Dabei komme ich auch durch die aus den Nachrichten bekannte Suwałki-Lücke, benannt nach der polnischen Stadt (die sich dann wegen des durchgestrichenen „ł“ tatsächlich „su-wau-ki“ spricht). An ihrer engsten Stelle trennen nur rund 65 Kilometer die russische Exklave Kaliningrad von Belarus. Militärisch gilt die Region als einer der sensibelsten Orte Europas. Sollte dieser Korridor einmal blockiert werden, wären die baltischen NATO-Staaten auf dem Landweg vom übrigen Bündnis abgeschnitten.

Auf der Streckenkarte kann man die Umfahrung und die Lage gut sehen.

Stefan

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