Es war ein gutes Gefühl, nach Göteborg hineinzufahren. Nicht nur, weil der Kampf gegen den Nordwind vorbei war. Ich war jetzt schon mehrfach in der Stadt und mag sie sehr. Deswegen gibt es auch gar nicht so viele Fotos von den touristischen Spots, da ich mich eher ziellos durch Straßen und Parks hab treiben lassen. Wer die sehen möchte, schaut auf meinen Beitrag von 2024.
Göteborg ist nach Stockholm die zweitgrößte Stadt Schwedens und wurde 1621 von König Gustav II. Adolf gegründet. Besonders sehenswert für mich ist der historische Stadtteil Haga mit seinen Kopfsteinpflasterstraßen, den gut erhaltenen Holzhäusern sowie zahlreichen kleinen Cafés und Geschäften. Wunderschön auch der Botanische Garten mitten in der Stadt, der mit rund 16.000 Pflanzenarten zu den bedeutendsten botanischen Gärten Europas zählt. Auf den Kanälen fahren die Menschen abends mit ihren Booten und machen ein Picknick auf den Wiesen daneben.
An dem ersten Tag ist dann auch der Entschluss gereift, die Tour hier wieder einmal ungeplant zu beenden. Eigentlich war der Plan, die Runde mit einer Rückfahrt durch Dänemark bis Deutschland zu beenden. 2024 hatte ich das bereits vor und eine Schlechtwetterlage hat die Entscheidung zum Abbruch ausgelöst. Und dieses Jahr ist es wieder so. Dazu ist die Verfügbarkeit von Pensionen und Hotels auf der Strecke echt mau. Das hätte also auch noch Zelten bei dem Wetter bedeutet. Dazu kommt, dass das Knie bei den beiden letzten Windtagen sich mehr gemeldet hat als es sollte. Somit habe ich spontan die Fähre nach Kiel gebucht und bin gestern Nacht zurückgefahren. Natürlich hatte der Wind inzwischen die Drehung nach Norden geschafft und ich hatte bis zur Fähre wieder vollen Gegenwind. Petrus hat echt Humor. Seit der Entscheidung ist Schweinehund übrigens bester Laune und trällert andauernd fröhlich durch die Gegend. Aber nachdem ich dann auf der Fähre mit meiner Entscheidung fein war, haben wir uns wohl beide auf Zuhause gefreut. Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind zwei Lebewesen in einem Körper. Auch mein Fahrrad freut sich auf zu Hause. Es braucht dringend Öl, muss komplett gereinigt werden, eine Bremse zieht nicht mehr gut, die Schaltung hakt in einigen Gängen, die Kette hat viel zu viel Spiel und beim Gepäckträger ist eine Strebe gebrochen. Vollinspektion nötig. Es sei ihm gegönnt – manche Fahrräder brauchen Jahre für die Anzahl von Kilometern.
Nun bin ich also wieder in Kiel, habe die knapp 2 km vom Schwedenkai nach Hause geschafft, und blicke auf die Fahrt zurück. Fast auf den Kilometer genau waren es 2.000 km in 21 Tagen und etwas über 100 Stunden im Sattel. Noch mal rund 400 km mehr als vor zwei Jahren. Weiter unten sieht man die Karte der beiden Jahre.
Bei beiden Touren hatte ich immer wieder das Gefühl, an einem anderen Meer unterwegs zu sein. Die Ostsee wirkt ständig anders. Eine ganz tolle Natur, die man so mit dem Auto nie erleben würde. Man ist eben langsamer unterwegs und hat mehr Zeit zum Schauen.
Dazu kommen tolle Menschen. Die Pensionsbetreiberin, die mir morgens eine Tüte mit Brötchen in die Hand drückt und mir auf Litauisch wahrscheinlich gesagt hat, dass ich doch ohne Frühstück nicht auf die Strecke gehen könne. Immer wieder Menschen, die bei einem ratlos abwechselnden Blick aufs Display und in die Landschaft einfach stehen bleiben und Hilfe anbieten. Oder die Bedienung im Café, die mir vom Apfelkuchen abgeraten hat und mir gesagt hat, ich solle lieber ihren Lieblingskuchen nehmen (ich hatte den Namen schon vergessen, als sie ihn auf Polnisch aussprach). Als sie ihn brachte, dachte ich beim ersten Blick „warum hast Du nicht den Apfel genommen“. Nach dem ersten Bissen schrie Schweinehund „bestell sofort den Rest der Torte“. Und die Bedienung hat sich wie ein Kind gefreut, dass mir ihr Lieblingskuchen auch so schmeckte. Oder die vielen Radreisenden, mit denen man schnell ins Gespräch kommt. Und wenn es kein Gespräch ist, dann reicht auch mal das Anheben der vier Finger an der linken Hand und ein Lächeln.
Immer wieder überraschen mich Orte, die ich nur besuche, weil es in die Entfernungsplanung passt und zufällig eine Übernachtungsmöglichkeit existiert.
Das ist übrigens eines der banalsten Sachen und trotzdem ein Highlight des Tages. Ankommen, duschen, etwas Kaltes und einen Kaffee trinken. Den Tag noch mal Revue passieren lassen und auch ein wenig stolz zu sein, dass man wieder eine Entfernung geschafft hat. Da sind Gegenwind, fiese Steigungen, Regen und überhaupt das Gefühl, dass alles gegen einen ist, schnell wieder verschwunden. Was bei mir an keinem Tag verschwindet, ist das morgendliche Genöle von Schweinehund. Alles packen, eventuell das Zelt zusammenbauen, alles zum Rad schleppen, das Rad fertig machen und dann los. Manchmal noch in die Kälte. Jeden Morgen der schwerste Moment des Tages. Nicht einfach das Zimmer um eine Nacht verlängern. Kein langes Unwohlsein, aber an manchen Morgen eine unheimlich hohe Hürde.
Als Dank fürs Mitlesen kann ich auch das letzte Rätsel der Reise auflösen. Der ein oder die andere erinnert sich vielleicht an die Beobachtung, dass in Schweden unheimlich viele Volvos fahren. Bei der Ausfahrt aus Göteborg sind wir an einem Riiiiiiiesenparkplatz mit fabrikneuen Volvos vorbeigekommen. Ist es ein Wunder, wenn da so viele herumstehen, dass sich schon so viele Schweden bedient haben? Ich hab schon in dem damaligen Blogbeitrag von einer großen Sache gesprochen.
Also danke an alle, die Mitgelesen haben. Ich hoffe, es hat etwas Spaß gemacht, die Reise mit mir zu unternehmen und virtuell mit dabei zu sein. Danke auch für die vielen Kommentare (obwohl ein Bug bei WordPress das teilweise gar nicht zugelassen hat), die persönlichen Nachrichten und diesmal sogar ein persönlicher Besuch „an der Strecke“. Das motiviert auch – zugegebenermaßen nicht gerade in den Moment, wo ich bei Gegenwind einen Hügel hochstrampele.
🇩🇪 Tschüss, bis zum nächsten Mal!
🇵🇱 Do widzenia, do następnego razu!
🇱🇹 Iki pasimatymo, iki kito karto!
🇸🇪 Hej då, vi ses nästa gång!
Zur Vollständigkeit dann auch noch die Statistik:
- Strecke: 2.002,32 km in 21 Etappen
- Fahrzeit: 104:36 h
- Höhenmeter: 7.487 m
- Kalorien: 56.487 kcal
- Durchschnittsgeschwindigkeit: 19,14 km/h
- Kilometer in
- Deutschland: ca. 375 km
- Polen: ca 797 km
- Litauen: ca. 257 km
- Schweden: ca. 572 km
👋🏻



















Hallo Stefan, wirklich super!
Ich freue mich schon auf das nächste Treffen mit dir im Kreise der DNUG-Veteranen. Das wird uns die Chance geben, dass du noch viel mehr von deinen tollen Erlebnissen berichten kannst!
Bis dann, Peter
Moin Peter,
danke für die netten Worte und die Kommentare. Ja, wir sollten das Veteranen-Treffen zu einem regelmäßigen Termin machen 🙂
Viele Grüße, Stefan
Runde Sache mit den 2000 km in drei Wochen. Man muss halt wissen, wann es genug ist. Die Fähre nach Kiel fast bis vor die Haustür ist doch ein schöner Abschluss.
Ja, obwohl ich ja mit Dänemark gerne den Abschluss gemacht hätte. Aber mit Wohnort Kiel kann ich ja jederzeit wieder gut „einsteigen“ 😇🚴🏻